| Alicudi - unberührte Insel im
Mittelmeer
Alicudi ist die unbekannteste und abgelegenste
der sieben äolischen Inseln. Wie alle anderen ist auch sie
vulkanischen Ursprungs, aufgestiegen aus dem Meer vor ca. 600 Mio.
Jahren. Panarea und Alicudi sind die geologisch ältesten ruhenden
Vulkane, durchgehend aktiv ist derzeit nur der Stromboli, der bekannteste
Vulkan Europas. Bewohnt sind die Inseln nachweisbar seit dem vierten
bis fünften Jahrtausend v. Chr.. Es war der Monopolbodenschatz Obsidian,
vor der Metallverarbeitung einst der begehrteste Rohstoff der alten
Kulturen, der eine Hochblüte bescherte. Obsidian, ein unter großer
Hitze und hohem Druck gepresstes schwarzes Vulkanglas wurde nicht
allein für Waffen verwendet, sondern man fertigte aus ihm auch die
kostbaren Gegenstände wie Opfermesser und Kultspiegel für den religiösen
Dienst in den Tempeln. Obsidianschleiferei war ein begehrtes und
anerkanntes Handwerk. Die Odyssee berichtet uns in prächtigen Bildern,
wie Odysseus bei König Eolo in Lipari landet, der erste Grieche
von Rang auf den Inseln. Die spätere griechische Kolonialisierung
brachte noch einmal eine kulturelle Blütezeit von Bedeutung in die
damalige Welt des Mittelmeerraumes. Neben den Griechen hinterliessen
auch Etrusker, Araber, Sarazenen, Phönizier, Juden und Normannen
ihre Spuren. Viele Jahrhunderte lang lebten die Menschen bescheiden,
überwiegend von der Landwirtschaft, dem Fischfang und ein wenig
Zwischenhandel, immer in Gefahr vor Piraterie, kriegerischen Überfällen
und Raubzügen. Das älteste Dorf auf Alicudi liegt darum so hoch
wie möglich, 600 m hoch, um Frauen, Kinder und Vieh einigermaßen
vor Gefahr zu schützen. Endgültig wurden die Bergdörfer erst im
20. Jahrhundert verlassen und die Bevölkerung siedelt sich in den
Strandregionen an. Heute noch sieht man überall die schmalen, hohen
Terrassen, die meist bis in die Gipfelregionen reichen. Sie waren
früher bepflanzt mit Weinreben, Oliven- und Obstbäumen, Getreide
und Gemüse. Seit den beiden großen Auswanderungswellen Anfang des
20. Jahrhunderts liegen auf Alicudi jedoch die Terrassen zum größten
Teil brach und Erosion, Verwilderung und Versteppung greifen um
sich. Ein immer wieder erweitertes und ausgebessertes Treppenstrassennetz
überzieht die ganze einst besiedelte Inselregion bis zu den Hochebenen
der Gipfel.
Pianicello
Auf breiten Treppenstrassen erreichen Mensch und Esel, die einzige
Transporthilfe hier oben, das ehemalige Bergdorf Pianicello, 400
m hoch über dem Meer, einsam und abgelegen in der Stille. Konzentrationspunkt
in der Weite der Horizonte, ein Ort, der spirituelle Fähigkeiten
stimuliert. Wir, die neuen Bewohner von Pianicello, haben den Ort
gewählt, der durch die Jahrtausende auch immer wieder Verbannungsort
für die jeweils „Unliebsamen“ und freiwilliges Exil für die jeweils
„Andersdenkenden“ war, um hier zu leben und zu arbeiten. Die einfachen
alten Bauernhäuser wurden von uns in ihrer urtümlichen Schlichtheit
belassen. Zu unserem Erstaunen hat sich herausgestellt, daß modernes
ökologisches Denken zurückführt zu jahrhundertealten Traditionen
wie Brotbacken, Weinkeltern, Ölpressen und vieles andere mehr. Das
Regenwasser wird auf den Dächern gesammelt und aus Zisternen geschöpft.
Es ist begrenzt vorhanden und damit unser höchstes Gut. Schrittweise
bebauen wir unser Land. Terrasse für Terrasse wird rekultiviert,
begrünt – immer soweit es der Wasservorrat zuläst. Bepflanzung und
Aufforstung verhindern nicht nur die fortschreitende Erosion, sondern
begünstigen auch den Feuchtigkeitshaushalt des Bodens. Unser Wunsch
ist ökologisches Bewusstsein in unserem Raum praktisch umzusetzen
und zu leben. Dazu gehört auch die Einfachheit unseres Lebens und
der sorgsame Umgang mit Müll und Energiereserven. Unsere Lebensqualitäten
sind die Schönheit der Landschaft und Architektur, saubere Luft,
reines Wasser, fruchtbare Erde, mediterranes Klima und nicht zuletzt
die Zusammenarbeit mit den Dorfbewohnern. All das bedeutet uns mehr
als zivilisatorischer Konsum und größtmögliche Bequemlichkeit. Es
ist ein Leben in der freiwilligen Konzentration auf das Wesentliche.
Unser Denken und unsere Arbeit beruhen auf Eigenverantwortung und
Toleranz. Dadurch erfahren wir täglich neu eine Sinngebung im Alltag.
Unterstützt werden wir dabei von der Atmosphäre des Platzes und
seiner Energie. Zu uns finden Einzelpersonen und Gruppen, die Ferien
auch mal anders erleben wollen. Wer sich hier erprobt, kann für
die Überzivilisierung daheim einen kritischeren Blick entwickeln
und persönliche Entscheidungen bewusster treffen. Über die Lebensbedürfnisse
hinaus hängt Lebensglück nicht vom materiellen Überfluß ab. Das
Leben in Pianicello beinhaltet eine Abgrenzung notwendiger Lebensbedürfnisse
vom modernen Konsumverhalten. Lebensqualität im geistig–seelischen
Bereich, kreative Selbstgestaltung, Schönheit des persönlichen Umfeldes
sind der Luxus der Zukunft.
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